Am 9. Mai 2004 habe ich meine töltende Traberstute Stepping Julia (Jule) gekauft. Da ich noch keinen passenden Sattel für sie hatte, longierte ich sie am folgenden Tag. In der letzten Runde stürzte sie im ruhigen Trab und stand auf drei Beinen auf. Ich rief sofort den Tierarzt. Seine Diagnose nach dem Röntgenbild war ein angebrochenes rechtes Fesselgelenk. Dies bedeutete, dass mein eben erst gekauftes Pferd ca. 6 Wochen Boxenruhe bekam.
Jule war in ihrer Box sehr nervös und bewegte sich unkontrolliert. Ebenfalls stellte ich fest, dass sie sehr empfindlich im Rücken war. Petra Deppe kam sofort zu uns und akupunktierte Jule. Sie wurde merklich ruhiger und unempfindlicher im Rückenbereich. Petra rat mir, den Anbruch mit dem Magnetfeld zu behandeln, da dies die Heilung positiv beeinflusst. Jule wurde 2x pro Tag von mir damit behandelt.
Die nächsten 4 Wochen blieb Jule ruhig in ihrer Box. Dann stand der nächste Röntgentermin an. 2 Tage vorher hat Jule sich in ihrer Box auf der Stelle gedreht und das verletzte Bein dabei stehen gelassen. Es war ein lautes Knacken zu hören und sie stand wieder auf 3 Beinen. Die Diagnose des Röntgenbildes war, dass der Bruch wieder frisch war. Weitere 4 Wochen Boxenruhe standen an.
Ich war während der gesamten Zeit mehrmals täglich (vor der Arbeit und nach der Arbeit) am Stall. Die nächste Röntgendiagnose war noch niederschmetternder: Der Anbruch heilte zwar, aber durch die Drehung in der Box war ein Chip im Gelenk. Wir sollten zur Kontrolle in die Tierklinik. Die Diagnose (28. Juni 2004) lautete:
Chip im Fesselgelenk, Fesselbeinanbruch, Arthritis/ Periathritis Fesselgelenk und Tendinitis Fesselträgerschenkel.
Der leitende Tierarzt machte mir wenig Hoffnung und glaubte nicht daran, dass Jule jemals wieder geritten werden kann. Folgende Therapie ordnete er an:
Percutin-Paste, Kühlen, Muschelextrakt, Magnetfeld, Gymnastik, Spazieren gehen, Schmerzmittel, Gelenkpunktion, tägl. Temperatur messen, Fesselkopfumfang messen, Druckempfindlichkeit prüfen, Funktion im Stand und Bewegung.
Ich sollte hierüber ein Tagebuch führen. Ich teilte ihm mit, dass ich Jule auf die Weide stellen wollte. Zuerst war der Tierarzt dagegen. Ich machte ihm klar, dass er mir dies nicht ausreden kann. Zu Hause besprach ich alles mit meinem Tierarzt und Petra. Jule kam ohne Schmerzmittel auf die Weide, da sie sich nur so viel bewegen sollte, wie es ihr Gesundheitszustand zuließ.
Die erste Woche nach der Klinik gingen wir bis zu 1 Stunde spazieren und grasen. Da Jule nur stieg wurde sie von Petra akupunktiert und man konnte wieder mit ihr laufen. Nach einer Woche kam sie neben ihre Stutengruppe auf ein abgetrenntes Weidestück. Sie war noch lahm, buckelte aber und wälzte sich, was ein gutes Zeichen war.
Am 23. September 2004 folgte der Kontrollbesuch in der Klinik. Petra begleitete mich dorthin. Vor der Beugeprobe war sie im Trab minimal lahm, nach der Beugeprobe konnte sie kaum noch laufen. Das Röntgenbild unterstrich die Diagnose des Tierarztes (der gleiche wie beim ersten Besuch): Jule hat keine Chance mehr, sie sollte eingeschläfert werden. Mit der Diagnose wollte ich mich nicht abfinden. Ich beschloss mit Petras Hilfe Jule und mir eine Chance bis Dezember 2004 zu geben. Bis dahin musste sie lahmfrei sein und wir wollten mit leichter Arbeit beginnen.
Ich sprach mit meinem Tierarzt und Schmied. Unser Tierarzt glaubte nicht an den Erfolg, aber unterstütze mich und wollte in regelmäßigen Abständen nach ihr gucken. Unser Hufschmied sah sich die Röntgenbilder an und beschlug Jule vorne dementsprechend. Alle 4 Wochen mussten die Eisen erneuert werden. Im Stall wurde ich als Tierquälerin abgestempelt, auch von Leuten, die sich vorher Freunde nannten. Andere sahen meiner Entscheidung skeptisch entgegen. Diese Situation war für mich schlimmer, als alles andere, was bis dahin passiert ist.
Petra hat mich immer wieder aufgebaut und mir Mut gemacht. Sie kümmerte sich die ganze Zeit um Jule (Akupunktur und Physio) und mich (aufbauende Worte und Anleitung für Jules Gymnastik).
Bis Oktober 2004 war Jule nur auf der Wiese. Die Führung des „Tagebuches” habe ich beendet, da die permanente Angst davor, dass sich irgendetwas verändert hat, mich nervlich fertig gemacht hat. Jules Lahmheit wurde immer weniger. Im Oktober 2004 begannen wir mit leichter Arbeit an der Hand. Erst nur Schritt, dann auch Trab. Jules Gesundheitszustand verbesserte sich permanent.
Im Dezember 2004 saß ich das erste Mal auf Jule. Zuerst waren es nur 4 bis 5 Schritte. Wir haben dies permanent gesteigert. Im März 2005 saß ich 1,5 Std. im Schritt auf ihr, auch regelmäßige Ausritte gehörten dazu. Wir fingen mit dem Traben an, auch hier erst nur ein paar Tritte und dann immer mehr. Jule und ich wurden weiterhin von Petra mit Akupunktur und Physiotherapie unterstützt. Im August 2005 fingen wir mit regelmäßigen Dressurstunden an.
Mittlerweile (August 2007) ist Jule ein ganz normales Reitpferd. Wir haben weiterhin regelmäßigen Unterricht und gehen ins Gelände (Schritt, Trab und Galopp). Der Chip in ihrem Gelenk, der eigentlich Jules Todesurteil sein sollte, hat sich an einer Stelle festgesetzt, an der er sie in keinster Weise stört. Die aussichtslose Diagnose, die wir vor über drei Jahren erhalten haben, hat mir gezeigt, dass man alles mit viel Geduld (ich war vorher überhaupt nicht geduldig), Glauben und Willen schaffen kann. Die Zeit war verdammt hart, ich würde es immer wieder so machen.
Es hat sich gelohnt.
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